DARF MAN TOURISTEN NASS SPRITZEN?

In Barcelona fordern Einheimische energisch, Reisende sollen sich verziehen. Ob das eine legitime Protestform ist – darüber wird hier gestritten.

           

Ja. Mit ihren harmlosen Aktionen erhöhen die Protestierenden den Druck auf die Politik.

Ohne Proteste, die Grenzen überschreiten, gäbe es keine Veränderungen. 

Das ist die Denkschule, deren sich die Protestierenden in Barcelona und auf Mallorca bedienen. Die Rechte von Frauen in vielen Ländern sind Ergebnis dessen, dass mutige Frauen Gesetze gebrochen haben – etwa in den 70ern in Frankreich, als sie sich öffentlich dazu bekannten, abgetrieben zu haben, obwohl das unter Strafe stand. Auch die Klimaschützer, die Kunstwerke schänden oder sich an Strassen festkleben und den Verkehr aufhalten, bedienen sich dieser Denkschule.

Diese Menschen eint, dass sie die Politik auf einen strukturellen Missstand hinweisen wollen. Bei Protesten des zivilen Ungehorsams kommt es aber zu Kollateralschäden – Unbeteiligte werden in den Diskurs gezogen, im Fall von Barceloa: nass gemacht.

In Ländern wie der Schweiz ist das «Recht auf Unversehrtheit» in der Verfassung festgelegt, ein eminent wichtiges Gut.

Die Touristen in Barcelona werden als unschuldige Opfer dargestellt. Es heisst, sie seien mit Wasserpistolen «attackiert» worden – medial generierte Aufregung. Auf den Bildern bespritzen lächelnde «Reclaim Your City»-Protestierende schmunzelnde Touristen mit ein wenig Wasser. Es scheint – und das ist wichtig für die Beurteilung – respektvoll zugegangen zu sein. Aktionen wie diese dürfen nicht darüber hinausgehen.

Doch indem die Protestierenden Restaurants und Strände besetzen, Touristen mit einem Spielzeug darauf hinweisen, erhöhen sie den Druck auf die Politik, Lösungen zu finden: den Tourismus in gesündere Bahnen zu lenken, einen Mietmarkt zu etablieren, der Bewohnerinnen und Bewohnern einer Stadt das Recht auf leistbaren Wohnraum garantiert. Etwas, das in immer mehr Städten infrage gestellt ist – und damit das Zusammenleben.

Sie geben aber auch uns Touristinnen und Touristen einen Hinweis. Nämlich, dass zum Tourismus drei gehören, die Gastgeber – Restaurants etwa – , die Verwaltungen der Städte und Inseln und wir. Wir können mit rücksichtsvollen Reisen dazu beitragen, Orte zu schützen. Müssen wir im Juli nach Barcelona? Oder ginge auch Augsburg oder Bullerbü? 

In diesem Dörfchen, in dem der millionenfach verkaufte Astrid-Lindgren-Bestseller spielt, entstand dieser Text – und zwar in der Ferienzeit Schwedens. In Bullerbü kostet der Kaffee rund 2 Franken, und die Kinder der Bewohner und der Touristinnen spielen zusammen. Das können auch Grossstädte hinbekommen, wenn der Wille zur Regulierung da ist – und dann wird keiner mehr nass.

Nein. Denn es ist stillos.

Es gibt Protestaktionen, die so fragwürdig sind, dass sie selbst das verständlichste Anliegen diskreditieren. Das sehen wir gegenwärtig in Barcelona, wo Reisende von protestierenden Einwohnern mit «Go home!»-Plakaten empfangen und in Restaurants mit Wasserpistolen nass gespritzt werden. Die Protestierenden lassen ihre Wut über das Phänomen des sogenannten Overtourism, über strukturelle, letztlich von der Politik verschuldete Missstände wie Wohnungsknappheit, hohe Mieten, überfüllte Strassen und Plätze an einzelnen Touristinnen und Touristen aus. Obwohl diese, wie alle Reisenden, im Urvertrauen auf den noblen menschlichen Charakterzug namens Gastfreundschaft unterwegs sind.

Wenn Tierschützer jemandem in die Haifischflossensuppe spucken, geht das als Protestform in Ordnung, weil sich die Aktion gegen eine individuell begangene Untat richtet. Aber Tourismus als solches ist ja nichts Schlechtes, und würden alle Reisenden die Aufforderung «Go home!» beherzigen, bräche in Barcelona angesichts leerer Hotels und Restaurants das grosse Wehklagen aus.

Ausserdem: Reisen die Rächerinnen und Rächer mit der Wasserspritzpistole selber nie, finden sie sich nie in der Rolle wieder, die sie gerade so rabiat kritisieren? Natürlich tun sie das. Und besuchen sie dann Orte wie, sagen wir, Recklinghausen, weil es dort garantiert keinen «Overtourism» gibt? Eben.

Die exorbitante touristische Nachfrage in Barcelona liesse sich dämpfen, indem man die ohnehin schamlosen Preise noch weiter erhöht. Man könnte für das Betreten der Innenstadt einen Eintritt verlangen wie in Venedig, man könnte die Mieten staatlich deckeln oder hätte die Vermietung von Wohnungen auf der Plattform Airbnb schon längst für illegal erklären können. Oder das städtische Tourismusbüro könnte – das wäre zur Abwechslung mal eine originelle Aktion – eine internationale Antiwerbekampagne starten, kommt bloss nicht nach Barcelona, lohnt sich nicht, zu gefährlich, geht nach Recklinghausen!

Aber einen Touristen, der bereits angereist ist, anpöbeln? Eine Reisende, die sich über die Schönheiten der Stadt freut, beim Verzehr einer Esqueixada de bacallà nass spritzen? Das ist nicht lustig, sondern stillos. Und geht deshalb gar nicht.  

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